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Historisch: Teil 3

Unsere deutsche Muttersprache hat viele Väter. Sie haben jeder auf seine Weise die deutsche Sprache gefördert und geprägt. Immer in Konkurrenz mit anderen Sprachen wie Latein oder Französisch hat die deutsche Sprache eine spannende Geschichte hinter sich. LEO hat sich auf die Spuren begeben und ist dabei interessanten Persönlichkeiten begegnet.

Von der Wartburg ins Reich       | Bericht |

Martin Luther entwickelt das einheitliche Schriftdeutsch

Von Josef Bordat

Am 2. September 2004 brennt die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar lichterloh. Ein Mann rennt in die Flammen, um die bedeutendsten Bücher zu retten – Direktor Michael Knoche. Auf die Frage, welche Sammlungsstücke denn so wertvoll seien, dass er dafür sein Leben aufs Spiel gesetzt habe, antwortet Knoche: „Eine Lutherbibel von 1534. Dazu habe ich noch zwei Ausgaben des Neuen Testaments von 1522 draufgepackt.“ Der couragierte Akt des bibliophilen Mannes macht deutlich, welchen Stellenwert Luthers Übersetzungsarbeiten haben. In einer Reihe zu den Förderern der deutschen Sprache darf Martin Luther also nicht fehlen.

Martin Luther – einer der berühmtesten Deutschen
Luther ist bekannt als Reformator. Er wandte sich gegen die Werkgerechtigkeit und die daraus resultierenden Praktiken der Kirche wie dem Ablasshandel und sah die Rechtfertigung des Menschen vor Gott – zentrales Thema der christlichen Theologie – allein im Glauben. Dieser wird dem Menschen durch die Gnade Gottes ans Herz gelegt und durch die heilige Schrift des Christentums, die Bibel, offenbart – sola gratia, sola fide, sola scriptura. Bis heute ist dieses Bekenntnis für Lutheraner in der ganzen Welt zentral.

Den Kirchenherren seiner Zeit und dem katholischen Kaiser Karl V. gefiel dieser Ansatz unterdessen überhaupt nicht. Der Reformator muss sich beim Reichstag zu Worms (1521) vor der geistlichen und weltlichen Obrigkeit rechtfertigen. Luther geht unbehelligt aus der Anhörung, obwohl er nicht bereit ist, seine Schriften zu widerrufen. Karl verhängt gegen den widerspenstigen Mönch die Reichsacht, eine Art Haftbefehl. Auf dem Rückweg nach Wittenberg wird Luther „entführt“ und im Auftrag seines Kurfürsten Friedrich von Sachsen auf die Wartburg verbracht. Als „Junker Jörg“ beginnt Luther mit der Übersetzung der Bibel in sein „geliebtes Deutsch“.

Die Luther-Statue in Wittenberg

Die Luther-Statue in Wittenberg

Luthers Bibelübersetzung und ihr Einfluss auf die deutsche Sprache
Trotz „vielfacher Belästigungen durch den Teufel“ übersetzt Luther in knapp drei Monaten das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. 1522 geht es als so genannte „Septemberbibel“ in den Druck. Obwohl die Auflage (3000 Exemplare) und der Preis (1,50 Gulden) hoch lagen, war sie rasch vergriffen. Das mag Luther angespornt haben, sogleich mit dem weit umfangreicheren Alten Testament fortzusetzen, das er von 1523 bis 1534 übersetzte und kommentierte. Zur Michaelismesse im Oktober 1534 konnte Luther seine „Biblia, das ist, die gantze Heilige Schrifft, Deudsch“ vorlegen.

In seinen „Summarien über die Psalmen und Ursach des Dolmetschens“ (1533) gibt Luther Auskunft über sein Übersetzungsprinzip, das seiner theologischen Haltung geschuldet ist: größtmögliche Verständlichkeit bei größtmöglicher Nähe zum Ursprungstext. Das fordert einerseits einen reichen differenzierten Wortschatz für eine treffende Ausdrucksweise und eine große Kreativität, um durch Sprachschöpfungen vorhandene Lücken zu schließen, andererseits eine Beachtung der Umgangssprache, also „dem Volk aufs Maul zu schauen“, wie Luther es ausdrückte. Manchmal bringt Luther spielerisch Regionales im Text unter und erreicht damit eine besondere Präzision. In Lukas 21, 2 übersetzt er die kleine Opfergabe der armen Witwe mit „Scherflein“ – der Scherf war eine Erfurter Münze. Doch der Text musste die Sprachgrenzen regionaler Idiome überschreiten, um überall verstanden zu werden, durfte also nicht zu sehr von der Herkunft des Verfassers geprägt sein. Dies gelingt Luther, obwohl das „Meißner Kanzleideutsch“ seinen Sprachduktus geformt hat – und damit letztlich auch unsere gemeinsame deutsche Sprache. (Nur gut, dass diese Sprache schriftlich und nicht mündlich durch das Land ging, sonst würden wir heute von Flensburg bis Passau einheitlich sächseln!)

Luthers Einfluss auf das Deutsche als Volkssprache ist kaum zu überschätzen. Auch wenn vor ihm Deutsch gesprochen und geschrieben wurde (an Meister Eckhart, Teil 1 der Serie, sei erinnert), wird er mit seiner Bibelübersetzung zum größten Förderer einer einheitlichen neuhochdeutschen Schriftsprache. Hinsichtlich Lautstand, Orthographie, Flexion und Syntax hat er einen Mittelweg zwischen den bestehenden Schreibdialekten gefunden. Und die Bibel war nicht irgendeine Abhandlung, die nur eine Handvoll Gelehrte interessiert hätte. Das „Buch der Bücher“ wurde in allen Schichten mit Interesse und Aufmerksamkeit gelesen. Über Jahrhunderte war es in vielen Familien sogar das einzige verfügbare Buch. Dadurch konnte sich die deutsche Sprache allmählich einheitlich etablieren, auch im Rheinland und in Bayern, wo die regionalen Idiome noch länger vorherrschten, vor allem deshalb, weil diese Gebiete traditionell katholisch geprägt sind. Im protestantischen Norden und Osten Deutschlands setzte sich das „Lutherdeutsch“ hingegen rasch durch.

Luther hat die heutige deutsche Standardsprache zwar nicht erfunden, sie aber entscheidend geprägt, auch durch seine „Tischreden oder Colloquia“ und das geistliche Liedgut („Ein feste Burg ist unser Gott“), vor allem jedoch durch seine Bibelübersetzung. Im wesentlichen ist die Lutherbibel stets nur orthographisch der jeweils gültigen Schreibweise angepasst worden. Die textliche Grundlage bildet dabei die Fassung von 1545, die so genannte „Biblia Germanica“, eine Überarbeitung der ersten Ausgabe von 1534, bei der Luther ein Jahr vor seinem Tod noch selbst mitgewirkt hat. Die Stuttgarter Jubiläumsbibel von 1912, die Lutherrevision von 1964 und die gegenwärtige Fassung der Lutherbibel von 1984 orientieren sich an ihr.

Geil!
In einer Zeit, in der das von Luther „geliebte Deutsch“ in seiner Eleganz und Trefflichkeit von Anglizismen ausgehöhlt wird, gibt es immer mal wieder die Eine oder den Anderen, der sich typisch lutherischer Wendungen bedient, gerade auch in der Politik. Unsere (wiedergewählte) Bundeskanzlerin Angela Merkel, zur Uni-Zeit in der Evangelischen Studentengemeinde aktiv, verwendet gerne das lutherische „e“ und spricht von „unserem Lande“, während Innenminister Wolfgang Schäuble anlässlich eines Kolloquiums zum 80. Geburtstag des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Ernst Benda nicht zu sprechen begann, sondern zu sprechen „anhob“. „Er hob an zu reden“, heißt es an vielen Stellen in der Lutherbibel. Schäuble: „Bevor ich anhebe, über das Thema ,Notstandsrecht und Terrorismusbekämpfung’ zu sprechen, möchte ich ...“ Luther lässt grüßen. Auch dann, wenn einigen Politikern in diesem Wahljahr der eine oder andere „Denckzedel“ (Luthers Übersetzung für die Tefillin, die Gebetsriemen der Juden) verpasst wird.

Ferner gibt sich die Werbung – wohl ohne es zu ahnen – lutherisch. Der Slogan „Des Wodkas reinste Seele“, mit dem ein Getränkehersteller seit Jahren auf sein Produkt aufmerksam macht, ist grammatikalisch reinster Luther, bei dem „der Gottlosen Weg vergeht“ (Psalm 1, 6) – und nicht „der Weg der Gottlosen“. Und das aus der Perspektive einer christlichen Soziallehre unsägliche „Geiz ist geil!“ greift auf eine Art „Lieblingsbegriff“ Luthers zurück: „geil“. Wo die „Einheitsübersetzung“ schamhaft von „erwachenden Begierden“ (Römer 13, 14) oder „Leidenschaft“ (1. Timotheus 5, 11) spricht, setzt Luther das Wörtchen, bei dem jeder weiß, was Sache ist. Leider ist es nach der Revision von 1964 aus der Lutherbibel gestrichen worden. Zu finden ist es im Original von 1534. Vor diesem Hintergrund bekommt Direktor Knoches Rettungstat eine noch größere kulturgeschichtliche Bedeutung.

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Veröffentlicht am: 29.09.2009

 

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